Kinder müssen sterben, weil sie die Kinder des Feindes sind

Die Auswirkungen des Embargos gegen Irak auf Kinder mit Leukämie und anderen schweren Krankheiten

Ein Erfahrungsbericht der Ärztin Eva-Maria Hobiger

Frankfurter Rundschau vom 03.01.2003

Ein unmenschlicher Diktatur ist das eine, todkranke Kinder, die wegen des Embargos gegen Irak nicht medizinisch behandelt werden können, das andere, trifft Dr. Eva-Maria Hobiger eine klare Unterscheidung. Die Fachärztin für Radioonkologie (Strahlentherapie) in Wien war während der vergangenen zwei Jahre mehrmals in Irak, zuletzt im September 2002. Sie ist Gründerin des Hilfsprojekts "Aladins Wunderlampe - Hilfe für krebskranke Kinder in Basra" und medizinische Koordinatorin der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen in Wien. Spenden für dieses Projekt: HypoVereinsbank München (BLZ 700 202 70), Konto-Nr.: 665 821 595, Stichwort: "Kinder in Irak"

Der neuerliche Krieg gegen Irak hat in der Form des Psychokrieges längst begonnen: seit Jahresfrist hängt das Damoklesschwert eines Militärschlages über der irakischen Zivilbevölkerung. Die internationale Gemeinschaft ringt wochenlang um spitzfindige Formulierungen einer UN-Resolution, die Auswirkungen eines allfälligen Krieges auf den Erdölpreis und auf die Stabilität der gesamten geographischen Region werden analysiert. Unbeachtet bleiben, wie bei jedem politischen Konflikt, die Menschen, die die Folgen dieses Krieges tragen werden: Ein 23-Millionen-Volk, von dem 55 Prozent unter der Armutsgrenze leben, und wäre da nicht das monatliche Lebensmittelpaket im Wert von 25 Dollar, das jeder Iraker erhält, so würden 90 Prozent des irakischen Volkes unter der Armutsgrenze leben.

Das Land, das die besten Sozialindikatoren der Region aufweisen konnte, ein hervorragendes Gesundheitssystem besaß, welches der Bevölkerung kostenlos zur Verfügung stand, das Land, dem von der Unesco ein Preis für die rasche Alphabetisierung verliehen wurde, das ehemalige "Preußen Arabiens", zählt heute zu den fünf ärmsten Entwicklungsländern dieser Erde. Zwei Kriege und zwölf Jahre Embargo haben nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die gesamte Gesellschaftsstruktur Iraks zerstört. Professor Bernhardt Graefrath, ehemaliges Mitglied der UN-Menschenrechts- sowie der UN-Völkerrechtskommission bezeichnet die Auswirkungen des Embargos als "die schlimmste humanitäre Katastrophe der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart".

Unicef fasst diese humanitäre Katastrophe zusammen: Der Anstieg der irakischen Kindersterblichkeitsrate innerhalb der letzten Dekade ist mehr als alarmierend und der höchste von allen untersuchten Ländern: 160 Prozent! Derzeit sterben 131 von 1000 irakischen Kindern unter fünf Jahren (eines von acht Kindern!) infolge mangelnder medizinischer Versorgung, schlechter Trinkwasserqualität und Fehl- bzw. Unterernährung. Ein Drittel aller irakischen Kinder in Mittel- und Südirak ist unterernährt, ein Viertel aller Kinder zwischen sechs und 15 Jahren müssen statt des Schulbesuchs arbeiten, um das Familieneinkommen aufzubessern, ganz besonders sind die Mädchen betroffen: Nur mehr zwei Drittel besuchen die Schule.

Waren 1990 4,5 Prozent aller Neugeborenen untergewichtig (unter 2,5 kg), so sind es Ende 2002 24,7 Prozent. Durchschnittlich erkrankt jedes irakische Kind unter 5 Jahren 14-mal jährlich an Durchfall, was einem fünffachen Anstieg gegenüber 1990 entspricht. 37 Prozent der Schulgebäude sind in einem derart desolaten Zustand, dass sie eigentlich nicht mehr benutzt werden dürften. Durch defekte Dächer sickert das Wasser in die Wände, durch glaslose Fenster dringt unerträgliche Hitze im Sommer und Kälte im Winter, Kinder sitzen auf Kisten und Steinen statt in Schulbänken. Schüler werden nach Hause geschickt, wenn sie die Toilette aufsuchen müssen, denn die sanitären Anlagen sind nicht mehr benutzbar.

1.

Lokalaugenschein im September 2002

Basra, die Millionenstadt am Shatt-el-Arab, das frühere "Venedig des Orients", ist zu einem einzigen Slum verkommen. Die einstmals prächtigen Paläste und Kaufmannshäuser entlang der Kanäle liegen in Trümmern, und heute prägen Häuserruinen das Stadtbild. Die schlechte Trinkwasserqualität trägt Schuld an vielen Krankheiten, die Kanalisation ist in einem verheerenden Zustand, das Abwasser steht in den Gassen der Stadt und wenn es regnet, auch in den Häusern. Frauen und Kinder betteln in den Straßen, Männer durchsuchen Abfallhaufen nach Essbarem. Die Arbeitslosenrate ist ins Unermessliche gestiegen, zahllose Obdachlose wohnen in den Ruinen, und es geschieht nicht selten, dass Menschen erschlagen werden von einstürzenden Dächern.

Wie in den anderen irakischen Spitäler so ist auch im Mutter-Kind-Spital in Basra die Hygiene mehr als mangelhaft, Reinigungs- und Pflegepersonal fehlt, es mangelt an Medikamenten, und es mangelt an medizinischen Geräten und Einrichtungen. "Wir stehen mit leeren Händen vor unseren Patienten", meint Dr. Azaad. Der 35-jährige Kinderarzt bewohnt ein winziges Zimmer des Spitals, denn der Ortsteil Basras, in dem seine Eltern leben, hat seit dem Golf-Krieg keinen elektrischen Strom.

Wie die meisten Männer seiner Altersgruppe ist Dr. Azaad unverheiratet, bei einem Gehalt von 10 Dollar monatlich wird eine Ehe zum Luxus. Er und seine Verlobte warten seit Jahren, dass sich die Lebensumstände bessern.

Vor dem Golfkrieg entsprachen dem Gegenwert von einem Dollar 3,3 irakische Dinar, heute bekommt man für einen Dollar zweitausend irakische Dinar. Ein Einkommen, das einem früher ein ausgezeichnetes Leben ermöglichte, sichert heute auf Grund der astronomischen Inflation kaum mehr das Überleben. Im Rahmen des Oil-for-food-Programms, das seit 1996 existiert, entfielen im Jahr 2001 pro Person und Jahr 141 Dollar, zuletzt waren es 188 Dollar. Leicht vorstellbar, dass da für teurere medizinische Behandlungen kein finanzieller Spielraum mehr gegeben ist, wie z. B. für die Behandlung von Leukämien oder Krebserkrankungen.


Die Leukämierate unter Kindern hat sich im Süden Iraks seit 1990 verfünffacht, und während in Westeuropa diese Erkrankung in über 90 Prozent der Fälle geheilt werden kann, bedeutet sie für irakische Kinder das Todesurteil. Eine erfolgreiche Leukämiebehandlung bedarf einer Kombination von durchschnittlich acht teuren Medikamenten über einen längeren Zeitraum, laut Auskunft der Ärzte war diese Kombination während des Embargos in keinem einzigen Fall vollständig verfügbar. Die Folge: Die Kinder sterben häufig schon bald nach Diagnosestellung oder aber erleiden nach kurzer Zeit einen Rückfall, was den raschen Tod bedeutet.
Frau Professor Jenan, die Leiterin der Kinderkrebsstation sagt: "Wenn ein Kind in Basra Fieber bekommt, befürchten die Mütter bereits, dass es Leukämie hat." Die Fotos der leukämiekanken Kinder aus dem Vorjahr kommentiert die Ärztin mit einem Wort: "gestorben, gestorben, gestorben. Wir verlieren sie alle..." Es sei eine tägliche Überwindung für sie, das Krankenhaus am Morgen zu betreten, denn Eltern und Kinder erwarten von ihr Behandlung und Heilung, sie aber kann nur tatenlos dem Sterben ihrer kleinen Patienten zusehen.

Mit bescheidenen Mitteln hat man die Zimmer für die krebskranken Kinder frisch ausgemalt, Vorhänge zwischen den Betten ersetzen die eigentlich notwendige Isolierung der Kinder, die Nachtkästchen wurden zum x-ten Mal überstrichen. Für die fehlenden Fliesen im Fußboden gab es keinen Ersatz. "Von Jahr zu Jahr machen wir kleinste Fortschritte, soll ein neuer Krieg das alles wieder zerstören?" fragt der Kollege. Mütter sitzen mit ausdrucks- und teilnahmslosen Mienen am Bett ihrer Kinder, über das Todesurteil, das die Diagnose "Leukämie" bedeutet, wissen sie Bescheid, und dieses Wissen hat sie gelähmt. Ein schmutziges Tuch ersetzt den Lichtschutz an einer Infusion, der 10-jährigen Patientin mit Lymphdrüsenkrebs ist kein Lächeln zu entlocken.

Im nächsten Zimmer starrt ein greisenhaftes Gesicht den Besuchern entgegen, Arme und Beine sind nur von Hautfalten bedeckt: Marasmus heißt die medizinische Diagnose, die schwerste Form der Unterernährung, vier Jahre alt ist das Kind. Eine Mutter fleht die ausländischen Besucher an, ihr unterernährtes Kind nach Europa mitzunehmen, denn dort würde es sicher überleben, in Basra aber werde es sterben. In einer muslimischen Gesellschaft stellen Kinder den höchsten Wert dar, kann man die Verzweiflung dieser Mutter auch nur erahnen? In einem anderen Zimmer ist ein Säugling an eine überdimensionale Sauerstoffflasche angeschlossen. Das Kind leidet an einem schweren angeborenen Herzfehler, nun kam eine Lungenentzündung dazu. "Es ist nur eine Frage von Tagen...", meint Dr. Azaad. An eine Operation des Herzfehlers sei nicht zu denken.

Ein anderes Phänomen beschäftigt die Ärzte in Südirak: drei Prozent aller Geburten in Basra zeigen schwerste Missbildungen: Babys ohne Gehirn, ohne Kopf, ohne Arme oder Beine, mit Gedärmen, die sich außerhalb des Körpers befinden, mit Wasserköpfen oder Spaltbildungen im Gesicht usw. Das Krankenhaus besitzt eine skurrile fotografische Dokumentation über diese Missbildungen. Die irakischen Kollegen führen Missbildungen und erhöhte Krebsrate auf eine Ursache zurück: Uranmunition, von der 300 Tonnen in der Region Basra eingesetzt wurde. Den Beweis können die Kollegen nicht führen, denn es mangelt an den Untersuchungsmöglichkeiten: Chromosomenaberrationsanalysen und Massenspektrographie sind aufwendige Verfahren, die in Irak nicht vorhanden sind. Viele Indizien sprechen für die Uranmunition als Ursache, allein es gäbe nur eine Antwort auf dieses Rätsel: eine unabhängige Langzeitstudie durch die WHO. Diese ist trotz jahrelanger Ankündigung bis heute nicht eingeleitet worden, WHO und irakische Gesundheitsbehörde schieben sich gegenseitig die Schuld für die Verzögerung zu. Indessen haben die Frauen in Basra Angst davor, schwanger zu werden, und die erste Frage einer Gebärenden gilt nicht wie früher nach dem Geschlecht des Kindes, sondern ob es normal oder missgebildet ist.

2.

"Unser Leben ist unerträglich geworden"

Diejenigen, die sich international für eine Aufhebung des Wirtschaftsembargos gegen Irak eingesetzt haben, traf der Vorwurf, sie unterstützten das Bagdader Regime, ja sie lägen in der Tasche von Bagdad. Kann man aber diesen Vorwurf wohl auch dem Erzbischof von Basra, Gabriel Kassab, machen? Kann man ihm vorwerfen, Propaganda des irakischen Regimes zu verbreiten, wenn er schreibt: "Das Embargo hat das Leben der ganzen Stadt paralysiert. (. . .) Unser Leben ist unerträglich geworden, unwürdig und ungerecht für irgend ein menschliches Wesen auf dieser Erde!"
1500 christliche Familien gibt es in Basra, drei Priester und sechs Nonnen. Zwei Kindergärten betreibt die christliche Gemeinde, aus Platzmangel wurde eine ehemalige Kapelle in einen Aufenthaltsraum für die Kinder umgewidmet. Jetzt erst wäre dieser Raum die eigentliche "Kirche", meint Gabriel Kassab. Er versuche mit seinen Mitarbeitern, so der Erzbischof, den Kindern des Kindergartens - übrigens vorwiegend muslimische Kinder - etwas von ihrer Kindheit erleben zu lassen und sie zu einem friedlichen Miteinander zu erziehen. Eine Mahlzeit erhalten die Kinder im Kindergarten, die Schwestern achten darauf, dass die Kinder sauber gekleidet sind, und man holt sie von zu Hause ab und bringt sie auch wieder nach Hause.

Eine Armenapotheke gibt es ebenfalls, wo Mittellose gratis Medikamente erhalten. Obdachlosen wird, so gut es geht, ein Dach über dem Kopf gegeben und völlig verarmte Familien werden finanziell unterstützt. Die Kathedrale wurde schon im Iran-Irak-Krieg von einer Bombe getroffen und im Golf-Krieg weiter zerstört. Vor zwei Jahren stürzte endgültig das Dach ein. Arbeiter sind mit primitivsten Hilfsmittel am Wiederaufbau der Kirche beschäftigt, Hammer und Meißel ersetzen den Pressluftbohrer, und der Erzbischof klettert auf Schuttberge, um den Arbeitern Instruktionen zu geben. Gabriel Kassab hat davon geträumt, die Weihnachtsgottesdienste in der renovierten Kirche zu feiern. Das ist ein Traum geblieben, denn es mangelt an Geld für Baumaterial und Arbeiter. Hinter der Kirche gibt es Notquartiere für Obdachlose, zwei Frauen wohnen unter primitivsten Bedingungen in einer der "Wohnungen", eine der Frauen leidet an Schizophrenie, ihre Schwester sorgt für sie. Der Erzbischof sagt: "Wir hier in Basra schwimmen auf einem riesigen unterirdischen See von Erdöl, wir leben in der reichsten Region Iraks, aber diesen Reichtum zu nutzen bleibt uns verwehrt." Für den Fliegeralarm, der zwischen seinen Ausführungen ertönt, hat er nur ein müdes Lächeln. Seine Botschaft an die Welt: "Ich appelliere an alle Menschen guten Willens, ihre Stimme zu erheben, damit dieses menschenunwürdige Embargo von uns genommen wird, damit uns nicht neuerlich ein Krieg trifft, damit es uns endlich wieder erlaubt wird, das zu erhalten, was wir für das tägliche Leben und Überleben brauchen!"

3.
Armutserkrankung Kala Azar

Dr. Saad vom Al-Mansour-Kinderspital in Bagdad schildert ein besonders anschauliches Beispiel für die Verschlechterung der Lebensbedingungen in Irak: Infektionskrankheiten, die als ausgerottet galten, fordern unzählige Menschenleben. Die Tropenerkrankung Kala Azar, durch Parasiten verursacht und durch Fliegen übertragen gilt als typische Armutserkrankung und kommt in den Elendsvierteln dieser Welt vor, wie z. B. in Indien und in Sudan. Opfer dieser Erkrankung sind bevorzugt Säuglinge und Kleinkinder, deren Immunlage durch Mangelernährung und schlechte Hygiene geschwächt ist.

Der Parasit befällt Lymphknoten und Knochenmark, Leber und Milz werden befallen, Gelbsucht tritt auf. Die Krankheit galt als ausgerottet in Irak, da es vor dem Golf-Krieg ein breitflächig angelegtes Mückenbekämpfungsprogramm gegeben hat. Auf Grund der Sanktionsbestimmungen gelten Insektizide als "dual use", d. h. militärisch nutzbar - was manche von ihnen auf Grund ihrer chemischen Inhaltsstoffe tatsächlich wären. Nur erhebt sich die Frage: Rechtfertigt das die Tatsache, dass zurzeit tausende irakische Kleinkinder an Kala Azar erkrankt sind? Eine Erkrankung, die in 100 Prozent innerhalb weniger Monate zum Tode führt, wenn sie nicht behandelt wird. Und in 100 Prozent geheilt werden kann, wenn sie behandelt wird. Und Kala Azar kann in Irak nicht behandelt werden, denn das wichtigste Medikament für die Behandlung ist im Land nicht verfügbar. Selbst die Versuche, das Medikament auf dem Schwarzmarkt in Bagdad aufzutreiben, scheitern.

4.
Missbrauch des Sanktionenrechts

"Warum kommt ihr und macht Fotos von unseren Kindern?" fragt eine Mutter die Mitglieder einer österreichischen Delegation. "Warum bringt ihr unseren Kindern keine Medikamente? Warum müssen unsere Kinder sterben?" Wie aber kann man der Mutter eines sterbenden Kindes die Schwierigkeiten erklären, mit denen man konfrontiert ist, wenn man irakischen Kinder helfen will? Ein Hilfsprojekt der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen ist seit zehn Monaten durch den Einspruch der US-amerikanischen Vertretung im UN-Sanktionenkomitee blockiert. Ein Diktator ist eine Sache, krebskranke Kinder eine andere - sollte man meinen. Eine fast unglaubliche Geschichte - leider ist sie wahr:

Im März 2001 wurde innerhalb der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen ein Hilfsprojekt gegründet, um die Behandlungssituation für leukämiekranke Kinder im Mutter-Kind-Spital in Basra in mehreren Etappen zu verbessern. Medizinische Geräte wurden organisiert, Spitalsbetten, Laboreinrichtungen, medizinisches Material. Um die Hilfsgüter nach Irak zu bringen, bedarf es auf Grund der Sanktionsbestimmungen der Genehmigung durch das Sanktionenkomitee der Vereinten Nationen. Anfang Januar 2002 wurde der Antrag in New York gestellt, zwei Wochen später kam die Verständigung, dass 14 Mitglieder des Komitees keinen Einwand gegen irgendeinen Gegenstand dieser Hilfslieferung hätten, ein Mitglied - die USA - forderte weitere technische Details für einige Geräte, es bestünde der Verdacht auf "dual use", so lautet der Terminus für "militärische Nutzung". Die Details wurden nachgeliefert, danach war Funkstille zwischen New York und Wien, trotz mehrmaliger Intervention der Wiener Seite.

Anfang Mai kam der Bescheid: Die beantragten Zentrifugen zur Blutauftrennung, Separatoren zur Blutplättchengewinnung, Plasmagefrierschrank, Kühlschrank zur Lagerung von Blutkonserven und Geräte zur intravenösen Verabreichung von Medikamenten gelten in den Augen des US-amerikanischen Außenministeriums als militärisches Gerät, eine Erlaubnis, sie nach Irak zu bringen, wird verweigert.

Interessantes Detail am Rande: Im Mai wurden Geräte beeinsprucht, die noch im Februar als unbedenklich galten. Eine Entscheidung, die wohl schwerlich zu akzeptieren ist. Dürfen Kinder zum Objekt einer verfehlten westlichen Politik werden? Ein engagierter UN-Mitarbeiter befragte die UN-Waffenexperten, und deren Urteil lag nach einer Woche vor: Keines der beeinspruchten Geräte kann auch nur im Entferntesten als militärisch nutzbar angesehen werden. Das Büro des UN-Koordinators in Bagdad erklärte sich bereit, die Geräte nach Installierung regelmäßig zu kontrollieren und einen Bericht über ihre zweckgemäße Verwendung nach New York zu senden. Der Generalsekretär der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen flog nach New York, um mit dem US-Vertreter im Sanktionskomitee persönlich zu verhandeln. Anfang Juni gab der US-Staatssekretär John Wolf während seines Wienaufenthaltes bekannt: "Auf Grund der neuen Embargoregelungen gibt es für den Import ziviler Waren nach Irak keine Behinderungen mehr."
Eine Anfrage bei den UN macht die aufkeimende Hoffnung zunichte: Für humanitäre Hilfslieferungen gelten die Sanktionsänderungen nicht! Im Oktober kam die endgültige Nachricht im Namen der Vereinten Nationen: Mit einer Genehmigung seitens der USA dürfe nicht mehr gerechnet werden. Ein besseres Beispiel für den Missbrauch der Sanktionsbestimmungen und für die Instrumentalisierung der Vereinten Nationen durch die Vereinigten Staaten lässt sich wohl kaum finden.


Die leukämiekranken Kinder in Basra sterben weiterhin, die Geräte, die das verhindern könnten, stehen im Lager in Wien. Es erhebt sich eine Gewissensfrage: Kann man schwerkranken irakischen Kindern nur helfen, wenn man zum Gesetzesbrecher wird? Was wiegt schwerer? Unterlassene Hilfeleistung, die möglich wäre, oder Bruch der Sanktionsbestimmungen?

5.
Kollateralschäden

Mit dem geradezu unglaublich verharmlosenden Ausdruck "Kollateralschäden" werden Schäden in der Zivilbevölkerung durch eine militärische Aktion bezeichnet. Kollateralschäden - das sind die leukämiekranken Kinder, die keinerlei Chance auf Überleben haben, die Kinder, die an Kala Azar, an chronischer Unterernährung, an Durchfall, an simplen Infektionserkrankungen sterben. Ein Kollateralschaden ist auch die Zerstörung der gesamten Gesellschaft eines Volkes, das Verschwinden der Mittelschicht, die Entprofessionalisierung. Viele Akademiker sind gezwungen, Beschäftigungen als Taxifahrer oder Kellner anzunehmen. Piloten, Ingenieure, Archäologen verdienen den Lebensunterhalt mit Hilfsarbeiten. Wissenschaftler haben ihre Bibliotheken längst auf den Flohmärkten in den Straßen Bagdads verkauft. Selbst wenn das Embargo eines Tages aufgehoben werden wird, wie viele Jahre wird Irak brauchen, um allein die wissenschaftlichen Defizite aufzuholen?

Mehr als sonst erlebt man jetzt die Resignation und Hoffnungslosigkeit der Menschen, wenn man durch Irak reist, die Bedrohung durch einen neuerlichen Krieg hat sie gelähmt, apathisch gemacht: "Sollen sie kommen, wir habe
n nichts mehr, was wir verlieren könnten." Zwei Kriege, die Herrschaft des repressiven irakischen Regimes und zwölf Jahre eines unmenschlichen Embargos, das ausschließlich die Zivilbevölkerung trifft, haben das Leben auf einen winzigen Funken reduziert, der Überleben heißt.

Feindbilder sind gefährlich, sie sind tödlich. Feindbilder setzen alle Gesetze der Humanität außer Kraft, Feinden gegenüber ist jedes Mittel recht. Selbst krebskranken Kindern, die zu den wehrlosesten Geschöpfen dieser Erde zählen, werden lebensrettende Maßnahmen verweigert, weil es Kinder des Feindes sind, geboren in einem "Schurkenstaat". Aber es gibt keinen Schurkenstaat, denn das Böse ist nicht in wenigen Ländern dieser Erde konzentriert.

Am 13. November 2002 publizierte IPPNW (Ärzte gegen die Gefahren eines Atomkrieges) Großbritannien einen Bericht, dass im Falle eines Krieges gegen Irak mit 500 000 Toten im Land zu rechnen sei. Wie auch von andere humanitären Organisationen zuvor, wird vor dem raschen Ausbrechen einer Hungersnot gewarnt, die fragile irakische Infrastruktur würde binnen Stunden zusammenbrechen. Epidemien würden ausbrechen, die mehr Opfer fordern könnten, als die Kampfhandlungen selbst.

Noch nie zuvor waren die Risiken einer Kriegshandlung so klar absehbar, wie im Falle dieses angekündigten Irak-Krieges. Das Horrorszenario würde wissentlich und vorsätzlich heraufbeschworen werden. Grund genug, die Anstrengungen für eine friedliche Lösung zu intensivieren.

Ein schreiender, in Lumpen gewickelter Säugling in meinen Armen am Abend vor der Abreise, sechs Monate alt, an Kala Azar erkrankt: Der Bauch unförmig aufgetrieben durch den Leber- und Milzbefall, geplatzte Blutgefäße in der Haut gleich einer Schwangeren, ein Leben, das kaum erst begonnen hat, dem Tod geweiht - ein Symbol für eine falsche Politik des Westens Irak gegenüber und die personifizierte Antwort auf die Frage, ob es legitim ist, begangenem Unrecht mit weiterem Unrecht zu begegnen.

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Erscheinungsdatum 03.01.2003
Original URL: http://www.fr-aktuell.de/uebersicht/alle_dossiers/politik_ausland/krieg_gegen_irak/?cnt=72339

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